­Erfinde ich mich gerade neu oder komme ich endlich nach Hause?

Heute Mittag habe ich mich mit einer ehemaligen Kollegin getroffen. Einfach so. Kein Termin mit Agenda, kein Networking-Hintergedanke, kein Zoom-Link. Ein echter Tisch, echtes Essen, echte Stunden, die vergangen sind, ohne dass ich auf die Uhr geschaut habe. Und ich merke gerade, während ich das hier so tippe, wie sehr mir genau das gefehlt hat.

Ich arbeite viel alleine. Homeoffice, Dozentin, selbstständige Coachin. Das sind alles Berufsbilder, bei denen man gut mit sich selbst klarkommen muss. Und das tue ich. Ich bin wirklich jemand, der gut mit sich alleine ist. Ich brauche keine ständige Gesellschaft, um mich wohlzufühlen. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch. Und heute Nachmittag hat mir jemand einfach zugehört. Hat mir in die Augen geschaut. Hat geantwortet, ohne fünf Sekunden Verzögerung und ohne die schwarzen Kacheln auf einem Bildschirm, auf dem ich fast nur einen Monolog halte.

Ich hatte mal eine Klientin, die sich bewusst gegen die Selbstständigkeit entschieden hat, weil sie gemerkt hat, dass ihr genau das fehlen würde: die Menschen. Der alltägliche, spontane, lebendige Kontakt. Ich habe das damals verstanden, aber heute habe ich es auch gefühlt.

Wir haben über alles Mögliche geredet. Über früher. Über Führungskräfte, die uns geprägt haben. Die Guten, von denen man sich wünscht, man hätte sie gerne länger gehabt, und die weniger Guten, die einem auf eine seltsame Art mindestens genauso viel mitgegeben haben, nämlich eine sehr klare Vorstellung davon, wie man es nicht macht. Und irgendwo in diesem Gespräch hat mich eine Frage erwischt, die ich vielleicht schon eine Weile vor mir herschiebe:

Erfinde ich mich gerade neu? Oder gehe ich zurück zu dem, was ich eigentlich immer war?

Ich möchte dir ein bisschen von meinem Lebenslauf erzählen. Nicht als Selbstvermarktung, sondern weil ich glaube, dass da ein Muster steckt, das ich selbst lange nicht so klar gesehen habe.

Vor 24 Jahren habe ich noch in Vollzeit in der Buchhaltung gearbeitet. Habe mich hochgearbeitet, Verantwortung übernommen und Auszubildende betreut. Ich war gut darin. Aber als ich schwanger wurde und in die Elternzeit gegangen bin, hatte ich einen einzigen klaren Gedanken: Wenn ich da jetzt nicht mehr hin muss, glaube ich, bin ich ein glücklicher Mensch. Das war kein Drama. Keine große Entscheidung, die ich nach langen Nächten getroffen habe. Das war einfach: Wissen. Stilles, klares Wissen.

Buchhaltung ist sterbenslangweilig. Zumindest für mich. Es ist trocken, es ist eng, es hat mit dem, was mich wirklich antreibt, herzlich wenig zu tun. Und trotzdem hat die Arbeitsagentur mich jahrelang immer wieder in genau diese Schublade gesteckt. Weil es auf dem Papier passte. Weil mein Lebenslauf es so hergab.

Nur weil man etwas jahrelang gut gemacht hat, bis man Führungskraft wurde, heißt das noch lange nicht, dass es einem am Herzen liegt.

Diese Erkenntnis begleitet mich gerade auch in meiner Dozentinnentätigkeit. Seit November habe ich neben KI auch Mitarbeiterentwicklung unterrichtet. Und ich meine das ernst, wenn ich sage: „Mitarbeiterentwicklung war meins.“ Es hat mir gelegen. Es ist mir leichtgefallen. Nicht weil es einfach war, sondern weil ich dabei das Gefühl hatte, am richtigen Platz zu sein. Menschen entwickeln, Denkmuster hinterfragen, Führungsstile beleuchten, das ist Stoff, bei dem ich nicht auf die Uhr schaue. Das ist das Thema, wegen dessen ich damals angefangen habe, Wirtschaftspsychologie zu studieren. Mein Fokus damals war Führungspsychologie. Mein Ziel war irgendwann Führungskräfte-Coaching. Ich bin davon abgekommen, nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil ich schlicht nicht wusste, wie ich den Einstieg finden sollte. Also habe ich andere Wege eingeschlagen.

Seit dieser Woche unterrichte ich kein Mitarbeiterentwicklung mehr. Das Modul wurde mir weggenommen, obwohl ich begründet habe, warum ich Buchhaltung nicht unterrichten möchte und warum Mitarbeiterentwicklung genau das ist, womit ich etwas bewegen kann. Stattdessen: Projektmanagement, das ich tatsächlich auch gerne mache, und Buchhaltung.

Wieder Buchhaltung.

Der Kreis schließt sich, aber nicht auf eine Art, die sich gut anfühlt.

Und ich sage das nicht, um zu jammern. Ich sage es, weil es mich etwas gelehrt hat, das direkt damit zusammenhängt, was ich in meiner Coaching-Arbeit tue.

Wie oft passiert es, dass jemand in eine Schublade gesteckt wird, weil ein Lebenslauf etwas hergibt, eine Funktion besetzt werden muss oder es von außen betrachtet schlüssig aussieht, während die Person selbst innerlich längst woanders ist? Wie oft wird das überhört, weil niemand richtig hinhört?

Ich erlebe das gerade selbst. Und ich erlebe es täglich in den Geschichten der Frauen, mit denen ich arbeite. Frauen, die ihrem Partner ins Ausland gefolgt sind, die ihre Karriere zurückgestellt haben, die funktioniert haben: zuverlässig, unsichtbar, ohne dass jemand gefragt hat: Und Du? Was brauchst Du? Was willst Du?

Genau das ist mein Thema. Nicht als abstraktes Konzept, sondern als etwas, das ich kenne. Von innen.
Und dann kam der Moment heute Nachmittag, der aus diesem netten Mittagstreffen einen Abend gemacht hat, über den ich nachdenken werde.

Ich habe gesagt, dass mir die Arbeit in diesem Team so viel Spaß gemacht hat. Die Leichtigkeit davon. Das Miteinander. Und meine Kollegin hat mich angeschaut und gesagt: „Das warst du, Brigitte.“ Du hast diese Leichtigkeit mitgebracht. Das war dein Wirken.

Ich wusste nicht, wohin damit. Ich bin nicht jemand, die Komplimente einfach annehmen kann, ohne sie sofort zu relativieren. Aber diesmal habe ich versucht, es einfach stehenzulassen. Und es hat etwas mit mir gemacht, das ich nur unzureichend beschreiben kann. Es ist mir warm geworden, tief irgendwo. Nicht weil mir jemand auf die Schulter geklopft hat, sondern weil ich gesehen wurde.

Nicht für das, was ich produziert habe, welches Modul ich unterrichtet habe oder welchen Titel ich trage, sondern für das, was ich in einen Raum bringe, wenn ich einfach ich selbst bin.

Das ist das Gefühl, das ich für meine Klientinnen schaffe. Oder zumindest: das, wovon ich träume. Einen Raum, in dem eine Frau aufhört, ihre Funktion zu sein. Trailing Spouse, Karrierepause, logistische Herausforderung. Und beginnt, wieder die Frau zu sein, die sie schon immer war, auch wenn der Umzug, die Jahre, die Erschöpfung das zwischendurch verschüttet haben.

Also: Erfinde ich mich neu? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich höre endlich auf, mich in Schubladen stecken zu lassen.

Willst du mehr über meine Arbeit wissen? Dann gehts hier lang.

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