Heute ist Karfreitag.
Ein Feiertag.
Die meisten Menschen machen heute die Füße hoch, und das ist auch gut so. Ich sitze hier und versuche aufzuarbeiten, was in den letzten Wochen liegen geblieben ist. Nicht, weil ich muss. Sondern, weil heute etwas rausmuss.
Gründercoaching Frauen: Sichtbarkeit und Unterstützung für Unternehmerinnen
Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Eigentlich weiß ich es schon. Ich fange bei der Wut an, weil die gerade am lautesten ist.
Ich arbeite als Business Coach, ich begleite Frauen in die Selbstständigkeit, ich mache Gründercoaching, und ich erlebe dabei Dinge, die mich manchmal sprachlos zurücklassen. Neulich hatte ich eine Klientin, eine junge Frau mit einem klaren Kopf, einem guten Plan und dem Mut, sich selbstständig zu machen. Wir wollten Mitte Februar mit unserem Gründercoaching beginnen. Alles war vorbereitet. Und dann: ihr Sachbearbeiter bei der Agentur für Arbeit war nicht erreichbar. Nicht da. Nicht ansprechbar. Keine Rückmeldung. Keine Vertretung. Wochen vergingen.
Ich hatte ein Bauchgefühl. Ich habe es gegenüber meinem Bildungsträger vorsichtig angesprochen. Ich wurde mehr oder weniger abgetan. Man würde sich das einbilden, hieß es sinngemäß.
Wir haben schließlich vier Wochen später angefangen. Und genau diese vier Wochen hat man ihr jetzt zum Verhängnis gemacht. Ihr Gründerzuschuss wurde abgelehnt, weil die 150-Tage-Regelung nicht eingehalten wurde. Nicht, weil sie nicht bereit war oder etwas verpennt hat. Sondern weil ein Mann in einer Behörde die Sache hinausgezögert hat, und niemand das ernst genommen hat, als ich darauf hingewiesen habe.
Ich bin fassungslos. Und ich bin wütend. Richtig wütend.
Aber ich bin nicht überrascht.
Weil das ein System ist, kein Zufall.
Frauen, die sich selbstständig machen wollen, gründen in Deutschland nicht in einem luftleeren Raum. Sie gründen inmitten von Strukturen, die nicht für sie gebaut wurden. Der Gründerzuschuss klingt nach Unterstützung. Und er kann es auch sein. Aber der Weg dorthin führt durch Behörden, durch Sachbearbeiter, durch Fristen und Formulare, und manchmal durch Menschen, die entscheiden, wie viel Zeit sie sich lassen. Wer da kein dickes Fell hat, wer nicht nachhakt, wer nicht laut wird, der verliert.
Und Lautsein ist etwas, das viele Frauen gerade in meiner Generation schlicht nicht gelernt haben. Wir wurden nicht dazu erzogen. Wir haben gelernt, geduldig zu sein, höflich zu bleiben, nicht aufzufallen. Und dann sagt man mir zwischendurch, von einer anderen Frau: du musst einfach lauter werden. Als wäre das so einfach. Als wäre das eine Charakterschwäche und keine Frage von Sozialisation und von Strukturen, die genau davon profitieren, dass wir leise bleiben.
Dazu kommt, dass viele Frauen aus meinem näheren Umfeld mit dem Thema Selbstständigkeit schlicht nichts anfangen können. Gut gemeinte Reaktionen, aber kein echtes Verständnis dafür, was es bedeutet, ein Business aufzubauen, immer wieder neu anzufangen, weiterzumachen auch wenn es zäh ist. Das Gefühl, damit ziemlich allein zu sein, das kenne ich gut.
Und dann ist da noch das große Bild.
Ich lese gerade viel. Über Ageism. Über Frauen ab fünfzig. Über Perimenopause als gesellschaftliches Thema, das endlich Aufmerksamkeit bekommt. Und je mehr ich lese, desto klarer wird mir: die Unsichtbarkeit von Frauen ist kein Phänomen des Alters. Sie beginnt früher. Viel früher.
Solange eine Frau gebärfähig ist, gilt sie auf dem Arbeitsmarkt als Risiko, als potenzielle Mutter, die irgendwann ausfällt. Dann kommen die Wechseljahre, und plötzlich heißt es: schwierig, hormonell, unberechenbar. Und danach? Danach wird sie in die Pflege geschoben. Für die Eltern, für die Familie, für andere. Und der Arbeitsmarkt atmet durch, weil man sie so unauffällig wie möglich aus der Gleichung genommen hat.
Frauen sind in diesem System nie wirklich relevant. Zu keiner Zeit. Sie werden immer in eine Rolle außerhalb des Arbeitsfelds gedrängt, egal in welcher Lebensphase sie gerade stecken.
Ich sage das so direkt, weil ich es so erlebe. Ich bin durch die Wechseljahre durch. Mein Kind ist aus dem Haus. Ich bin so präsent und so fokussiert wie selten zuvor in meinem Leben. Ich arbeite, ich coache, ich entwickle mein Business weiter, und ich gehe darin auf. Und trotzdem erlebe ich, dass man nicht zuhört. Dass ein Bauchgefühl von mir weniger gilt als die Aussage eines Sachbearbeiters. Dass Frauen wie ich, Frauen in dieser Lebensphase, immer noch erklären müssen, dass wir da sind.
Das falsche Thema? Oder einfach das unbequemere?
Eine Kollegin hat das Thema Perimenopause aufgenommen. Sie ist ausgebucht ohne Ende. Ich freue mich für sie, wirklich. Und gleichzeitig frage ich mich manchmal: habe ich das falsche Thema? Ist das, was mich antreibt, was mich wütend macht, was ich wirklich verstehe, einfach nicht das, wonach gerade gesucht wird?
Ich weiß es nicht. Was ich weiß: Perimenopause ist wichtig. Ageism ist wichtig. Und Gründercoaching für Frauen, die sich selbstständig machen wollen oder müssen, ist auch wichtig. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der Stellenabbau Realität ist und viele Frauen zum ersten Mal ernsthaft über Selbstständigkeit nachdenken, ob aus Überzeugung oder weil der sichere Job plötzlich weggebrochen ist.
Und dann ist da noch mein Alltag.
Meine Vormittage verbringe ich vor dem Monitor. Ich spreche in eine Kamera, in agenturfinanzierte Kurse, wo die Teilnehmer keinen Cent bezahlt haben und dementsprechend auch keine Lust mitbringen. Die Kameras sind aus. Irgendwo da draußen laufen sie nebenbei, machen etwas ganz anderes, und lassen mich einfach nebenher laufen. Sie wollen nicht da sein, das ist spürbar. Und ich kann es ihnen nicht einmal verdenken, das Thema liegt nicht immer in meiner Hand. Aber zermürbend ist es trotzdem.
Es ist nicht das, wofür ich brenne. Meine Energie, mein Feuer, das gehört dem Coaching, dem echten Gespräch, dem Moment, in dem eine Frau merkt, dass sie mehr kann als das, was man ihr zugetraut hat.
Und genau dieser Kontrast macht mir manchmal auch deutlich, wie wichtig es ist, dass ich weitermache. Mit dem, was ich wirklich will.
Ich bringe das hier nicht rein, um mich zu beklagen. Ich bringe es rein, weil ich weiß, dass viele Frauen genau das kennen. Dieses Aufgeteilt-Sein zwischen dem, was man tut, und dem, was man eigentlich will. Das Wissen, dass das Umfeld diesen Unterschied oft gar nicht versteht. Und das Gefühl, trotzdem nicht aufhören zu können, weil man einfach weiß, dass man richtig liegt.
Das darf heute mal raus. Es war höchste Zeit.




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