­Schubladen. Ich hab sie so satt.

Ich werde heute wieder in eine Schublade gesteckt. Wieder. Buchhaltung, Brigitte. Als wäre das mein Name. Als wäre das alles, was ich bin. Und das, obwohl eine neue Kollegin extra dafür eingestellt wurde. Obwohl ich seit vierundzwanzig Jahren nicht mehr in der Buchhaltung arbeite. Obwohl ich das mehr als einmal klar gesagt habe, begründet, ruhig, mit Argumenten.

Die Schublade, die uns oft zugeordnet wird, ist ein Symbol für die Einschränkung unserer Identität. Sie zeigt, wie wir in einer Gesellschaft leben, die dazu neigt, Menschen schnell zu kategorisieren, ohne sie wirklich zu kennen. Diese Schubladen sind nicht nur im Berufsleben präsent, sondern auch im sozialen Umfeld und in persönlichen Beziehungen. Wenn wir in eine Schublade gesteckt werden, wird unser volles Potenzial nicht gesehen, und das kann frustrierend sein.

Ich will schreien. Ganz ehrlich.

Nicht laut, nicht hysterisch, nicht dramatisch. Ich will einfach vor die Tür gehen und sagen: Hört auf. Schaut hin. Ich bin nicht mein Lebenslauf von vor zwanzig Jahren. Ich bin nicht die Funktion, die ihr gerade braucht. Ich bin ein Mensch. Mit einer Entwicklung. Mit einem Weg. Mit Dingen, die ich bewusst hinter mir gelassen habe, weil ich wusste, dass sie nicht zu mir gehören.

Als ich schwanger wurde und in die Elternzeit gegangen bin, hatte ich einen einzigen klaren Gedanken: Wenn ich jetzt nicht mehr in die Buchhaltung muss, bin ich ein glücklicherer Mensch. Das war kein Drama, keine Krise, keine Spontanentscheidung. Das war stilles, klares Wissen. Ich habe diesen Bereich jahrelang professionell ausgefüllt, habe mich hochgearbeitet, habe Verantwortung getragen. Und ich habe ihn bewusst verlassen. Weil nur weil man etwas kann, heißt das noch lange nicht, dass es zu einem gehört.

Aber scheinbar ist das zu komplex. Zu viel verlangt. Es ist so viel einfacher, jemanden in eine Schublade zu stecken und die Schublade zu schließen. Lebenslauf gecheckt, Haken gesetzt, erledigt. Dass da ein Mensch dahintersteckt, der sich seither weiterentwickelt hat, der studiert hat, der neue Kompetenzen aufgebaut hat, der ganz genau weiß, was er will und was nicht, das interessiert in diesem Moment niemanden.

Ich kenne dieses Gefühl übrigens nicht nur aus meinem Job.

Dieses Gefühl, nicht wahrgenommen zu werden, ist weit verbreitet. Viele Menschen, die in neue Länder ziehen oder neue Berufe annehmen, erleben ähnliche Herausforderungen. Ein Beispiel hierfür könnte eine Lehrerin sein, die nach Deutschland kommt und als ‚Ausländerin‘ betrachtet wird, anstatt die Qualifikationen und Erfahrungen zu sehen, die sie mitbringt. Sie könnte in ihrem Heimatland hoch angesehen sein, aber hier wird sie in eine Schublade gesteckt, die ihrer wahren Identität nicht gerecht wird.

Als ich nach Deutschland gekommen bin, war ich die Amerikanerin. Oberflächlich. Laut. Wahrscheinlich nicht besonders intelligent. Das sind die Schubladen, die auf mich gewartet haben. Nicht weil jemand mich kannte. Sondern weil jemand zu wissen glaubte, was Amerikaner sind. Und ja, die Weltpolitik liefert gerade genug Material, um dieses Vorurteil zu bedienen. Aber dumme Menschen gibt es überall. In Deutschland, in Spanien, in Frankreich, in den USA. Und kluge, warmherzige, differenzierte Menschen auch. Überall.

Das Problem ist nicht die Nationalität. Das Problem ist das Denken in Schubladen. Dieses schnelle, bequeme Sortieren, das einem erspart, wirklich hinzuschauen. Es ist kognitiv effizienter, jemanden sofort einzuordnen, als sich die Zeit zu nehmen, ihn tatsächlich kennenzulernen. Ich verstehe das. Aber ich akzeptiere es nicht. Denn was dabei verloren geht, sind Menschen. In ihrer ganzen Tiefe, in ihrer ganzen Geschichte, in allem, was sie sind und noch werden wollen.

Das Denken in Schubladen führt oft zu Missverständnissen und Konflikten. Wenn wir uns nicht die Zeit nehmen, jemandem zuzuhören und ihn kennenzulernen, verlieren wir die Möglichkeit, wichtige Lektionen zu lernen. Beispielsweise könnte eine Person, die als ’schüchtern‘ gilt, tatsächlich unglaubliche Talente in der Kommunikation haben, die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Der Schlüssel liegt darin, offen und neugierig zu sein.

Und jetzt sage ich etwas, das viele Frauen, mit denen ich arbeite, sofort verstehen werden.

Weil sie dasselbe kennen.

Die Frau, die ihrem Partner ins Ausland gefolgt ist, wird auch sofort einsortiert. Trailing Spouse. Mitgereiste Ehefrau. Das Anhängsel. Die, die aufgehört hat zu arbeiten. Die, die zu Hause ist. Niemand fragt, wer sie vorher war. Niemand fragt, was sie mitgebracht hat. Was sie kann, was sie will, was sie schon alles geleistet hat, bevor dieser Umzug ihr Leben auf den Kopf gestellt hat. Sie bekommt eine Schublade. Manchmal ein Budget von tausend Euro für Bewerbungscoaching. Und damit ist der Fall für das Unternehmen erledigt.

Dabei wäre es so einfach, einfach mal zu fragen. Wer bist Du? Was hast Du gemacht? Was willst Du jetzt? Was brauchst Du, um wirklich anzukommen, nicht nur logistisch, sondern innerlich? Diese Fragen kosten nichts. Aber sie verändern alles. Für die Frau, die endlich gesehen wird. Und für das Unternehmen, das eine Entsendung hat, die wirklich funktioniert, weil die Familie hinter dem Mitarbeiter nicht stillschweigend zusammenbricht.

Ich finde das zum Kotzen. Damals bei mir. Und heute noch, wenn ich sehe, wie das Frauen passiert, die ich begleite.

Wir alle verdienen mehr als eine Schublade.

Ich bin keine Buchhalterin. Ich bin auch nicht einfach „die Amerikanerin“. Und die Frauen, mit denen ich arbeite, sind nicht einfach die Frau von jemandem, die halt mitgekommen ist.

Wir sind Menschen. Mit Geschichte, mit Tiefe, mit einem Innenleben, das sich nicht in eine Kategorie pressen lässt. Mit Fähigkeiten, die weit über das hinausgehen, was auf einem Lebenslauf steht. Mit Träumen, die nicht aufgehört haben zu existieren, nur weil jemand anderes sie übersehen hat.

Und wenn Du gerade auch das Gefühl hast, dass Dich niemand wirklich sieht, dass Du immer wieder auf das reduziert wirst, was du mal warst oder was jemand anderes gerade braucht, dann weißt Du genau, wovon ich rede.

Ich habe diesen Artikel gerade fertig geschrieben. Wirklich gerade eben. Und dann habe ich LinkedIn aufgemacht.

In meiner Inbox: eine Stellenanfrage. Jemand hat sich meinen Lebenslauf angeschaut und mir eine Stelle in der Buchhaltung angeboten.

Ich bin sprachlos.

Nein. Ich bin nicht sprachlos. Ich bin genau das Gegenteil von sprachlos. Ich habe nur gerade keine Worte, die ich hier veröffentlichen kann.

Es ist ein Witz. Aber es ist auch kein Witz. Es ist genau das, worüber ich gerade geschrieben habe. In Echtzeit. Live. Das Universum hat heute anscheinend beschlossen, mir einen Beweis zu liefern.

Du bist nicht alleine damit. Und Du musst Dich damit nicht abfinden.

Die Reise zur Selbstakzeptanz und zum Überwinden von Schubladen ist nicht einfach, aber sie ist notwendig. Viele Menschen haben es geschafft, diese Barrieren zu durchbrechen und ihre wahre Identität zu finden. Dies erfordert Mut und die Bereitschaft, sich selbst zu hinterfragen und das eigene Selbstbild zu erweitern. Wenn wir uns gegenseitig unterstützen, können wir gemeinsam die Schublade, die uns zurückhält, aufbrechen.


 

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