­Der Adler, den ich nie getroffen habe

Trauer fragt nicht ob du jetzt Zeit hast. Sie ist einfach da.

Gestern Abend las ich die Nachricht, dass Jackie tot ist.

Wer ist Jackie? Jackie ist ein Weißkopfseeadler im Big Bear Valley in Kalifornien. Ich habe sie nie persönlich gesehen oder getroffen. Meine Beziehung zu ihr war nur durch eine Kamera, so wie Millionen andere. Wie sie ihre Küken durch Schnee und Sturm brachte. Und als es hieß, sie ist tot, habe ich auf einmal geweint.

Das hatte ich nicht kommen sehen.

Ein wildes Tier. Ich weiß genau, was wir Menschen da tun. Wir legen unser Herz in Tiere und lesen darin unser eigenes.

Ich weiß es. Es ist ein Tier zu der ich privat keine Beziehung und direkten Bezug habe.  Ich habe es trotzdem getan. Wir halten Wellensittiche, sieben im Moment. Über die Jahre sind uns welche gestorben, und jedes Mal kam ein neuer auf die leere Stange. Bis dieses Jahr. Dieses Jahr ist einer gegangen, und der Platz blieb leer. Vielleicht war das die Lektion. Nicht jeder Verlust lässt sich ersetzen. Manches bleibt fort.

Aber die Tränen galten nicht allein Jackie.

Am fünften August jährte sich der Tod meiner Mutter zum zweiten Mal.

In drei Tagen ist mein letzter Arbeitstag. Ein Job, den ich selbst gekündigt habe, weil ich ihn nicht mehr tragen konnte. Und darunter etwas Leiseres, das immer wieder hochkommt. In einem Raum zu sitzen, vor einer Kamera zu sitzen und nicht gesehen zu werden. Nicht als die, die ich bin. Nicht für das, was ich kann.

Trauer sortiert sich nicht mal eben so.

Sie staut sich.

Eine Mutter. Ein Job. Ein Vogel auf der anderen Seite der Welt durch eine Kamera. Alles fließt zusammen, und ein kleiner Verlust macht die Tür auf für den ganzen Rest.

Noch etwas habe ich gelernt. Über Trauer wird geschwiegen. Die Leute wissen nicht, wohin mit dir, wenn du trauerst. Also sagen sie wenig oder reden über etwas anderes. Der Tod macht sie unsicher. Ich verstehe das sogar. Und doch ist es das Einzige, dem ab einem gewissen Alter keiner entkommt. Wir trauern, und man wird um uns trauern. Das Schweigen erspart niemandem etwas. Es lässt uns nur allein.

Und Trauer ist nicht nur der Tod.

Man kann um ein Leben trauern. Um das von vorher. Vor dem Umzug, vor der Versetzung, bevor das Land ein anderes war und die Sprache und die Frau, die alle kannten. Sie ist an der alten Adresse geblieben. Du hast ein Dach über dem Kopf, dein Mann einen guten Job, und trotzdem wachst du morgens auf und trauerst um etwas, das keinen Namen hat. Die Freundinnen, die deine Geschichte kannten. Die Arbeit, die dir sagte, wer du bist. Verstanden zu werden, ohne dich vorher übersetzen zu müssen.

Das ist auch Trauer. Nur bekommt man dafür keine Trauerkarte. Keiner bringt einen Kuchen vorbei, wenn das Verlorene dein eigenes vertrautes Leben ist. Also trägst du es leise und wunderst dich, warum du dich in einem Leben, das von außen so gut aussieht, so schwer fühlst.

Falls du das bist, dann hör mir kurz zu. Du bist nicht undankbar. Du trauerst. Das Heimweh ohne Namen ist echt. Die Frau, die dir fehlt, war echt. Es zählt.

Also lass es kommen. Gib es einen Namen, wenn du kannst. Versuche es auszuhalten, wenn du es nicht kannst.

Und dann das, was dir keiner sagt. Die Krone richtet man nicht bis Freitag wieder auf. Manche Trauer dauert Tage. Die meiste dauert länger. Oft Monate. Und allein getragen, ohne jemanden, der mithält, zieht sie sich über Jahre hinweg und verändert etwas an dir. Nicht bitter, so würde ich es nicht nennen. Kleiner. Du gewöhnst dir ab, viel zu erwarten. Du gewöhnst dir ab, überhaupt zu fragen.

Meine Generation ist genau damit groß geworden. Mach kein Aufheben. Sei niemandem zur Last. Steh auf, Krone richten, weiter. Regel es allein, egal wie lange, und nenn das dann Stärke.

Das glaube ich nicht mehr.

Sieh dir die Welt an. Kriege. Politiker, denen keiner trauen kann. So vieles aus dem Lot. Alles allein zu stemmen war nie der Orden, für den man es uns verkauft hat.

Heute noch weniger.

Um Hilfe zu bitten ist keine Schwäche. Es ist kein Versagen. Es ist das, was dich tatsächlich weiterbringt.

Ich weiß es, weil ich endlich angefangen habe zu fragen. Es hat alles verändert.

Also, hier ist meine Erlaubnis – ich meine sie ernst. Du musst das nicht allein tragen. Du solltest es nie. Lass dir helfen.

Und dann, wenn du so weit bist und keinen Tag früher, richte deine Krone und geh.

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