Warum. Und was das Schweigen mit mir gemacht hat.
Ich habe gekündigt. Und das Erste, was kam, war nicht Angst. Es war Stille.
Das ist kein Geheimnis mehr, also schreibe ich es auf. Nicht als Abrechnung, dafür ist zu wenig Feuer in mir gerade. Peggy Bendler hat auf BuddhasPfad eine Blogparade gestartet, mit einer Frage, die ausgerechnet jetzt bei mir ankam: Welche Geschichte über dich selbst hast du losgelassen, und was kam danach? Einer Ihrer Beiträge heißt „Nicht gut genug?“. Als ich das las, wusste ich sofort, dass das meine Geschichte ist. Nur habe ich lange gebraucht, um zu verstehen, dass es meine war.
Die Geschichte war ein einziges Wort
Warum. Dieses Wort saß in fast jeder Stunde in meinem Kopf. Ich bin/war Online-Dozentin, ich stehe, wenn man das so sagen kann, seit einem Jahr regelmäßig vor einer Wand aus schwarzen Kacheln. Kameras aus. Keine Frage, kein Einwurf, kein Gesicht. Ich rede, und es kommt nichts zurück. Nichts.
Und ich fragte mich: Warum. Warum sagt niemand etwas, wenn es nicht passt. Warum nutzt keiner die Chance, mitzugestalten. Warum rede ich Woche für Woche gegen eine schwarze Fläche, hinter der ich Menschen weiß, die ich nie zu sehen bekomme.
So habe ich nicht immer doziert. Ich habe vor echten Gruppen gestanden, in Klassenzimmer, in Unternehmen, an der Universität. Da gab es Gesichter, Fragen, Widerspruch. Es gab Feedback, Lob und Kritik, und beides war Gold wert. So wusste ich, ob ich etwas richtig mache. Und wenn nicht, konnte ich es ändern. Hier bekam ich nichts davon. Nur die Stille. Und Stille lässt sich auf viele Arten lesen.
Der Januar, den ich nicht vergesse
Im Januar sollten wir uns treffen, in Hannover, ein spätes Beisammensein, weil im Dezember keine Feier stattgefunden hatte. Ich wollte am Donnerstag anreisen. Die Züge fuhren da noch. Aber der Wetterbericht ließ keinen Zweifel, dass es zum Wochenende hin immer schlimmer werden würde. Ich wohne weiter nördlich als die anderen, bei mir wurde aus dem Schnee ein Sturm. Und in Hannover schneite es am Freitag ununterbrochen, sodass am Samstag reihenweise Verbindungen ausfielen.
Fahren und rechtzeitig wieder zu Hause sein, das ging an diesem Wochenende einfach nicht, und meinen Unterricht hielt ich ja sowieso, nur eben wie immer, von zu Hause. Trotzdem kam kein „das ist verständlich“ zurück. Sondern der leise Beiklang, ich hätte mich wohl nur nicht getraut. Die Frau eben, die sich beim bisschen Schnee gleich fürchtet. So schlimm sei es doch gar nicht. Dabei saß ich am nächsten Morgen und gab meine Stunden, ganz normal, nur eben nicht aus dem Hotel in Hannover.
Das war der Moment, in dem etwas in mir zu bröckeln begann. Nicht laut. Innen. Ich habe das Richtige getan, ich war da, und trotzdem wurde daraus die falsche Geschichte. Genau wie bei den schwarzen Kacheln. Du gibst, du bist da, und was zurückkommt, ist entweder nichts oder das Gegenteil dessen, was wahr ist.
Was die Stille mit mir gemacht hat
In diese Stille hinein kam eine Frage, die ich sonst nie über mich gestellt hätte. Bin ich gut genug? Lernen die überhaupt etwas? Liegt es vielleicht an mir? Wenn keiner reagiert, wenn niemand mich verteidigt, wenn alles ins Leere läuft, dann muss doch ich das Problem sein. So dachte ich. Monatelang.
Das ist die Geschichte, die ich losgelassen habe. Nicht das Ja-Sagen. Sondern der leise Satz darunter: Wenn nichts zurückkommt, muss es an mir liegen. Diesen Satz habe ich auch jahrelang mit mir getragen, ohne ihn je zu prüfen. Loszulassen hieß nicht, ihn wegzuschieben. Es hieß, ihn zum ersten Mal anzusehen.
Denn es lag nicht an mir. Du fragst jetzt sicherlich: Warum gehe ich nicht einfach wieder vor einer echten Klasse? Weil Bildung schlecht bezahlt wird. Niemand will für Fortbildung Geld ausgeben. Also nimmt man die kostenlosen Kurse, und in kostenlosen Kursen sitzen Menschen, die nicht gewählt haben, dort zu sein. Die schwarzen Kacheln waren kein Urteil über mich. Sie waren das Gesicht eines Systems, das an allen Enden spart. Ich hatte es nur jetzt ein Jahr lang auf mich bezogen.
Warum ich mir das so lange angetan habe
Ich bin ein Arbeitstier. Das habe ich lange mit einer gewissen Freude über mich gesagt. Überstunden waren normal, ich sage ja, ich mache es möglich. Und über all dem lag eine Stimme, die viele Frauen über fünfzig kennen. Sag bloß nicht nein. Zeig, was du kannst. Was sollen die denken, wenn du ablehnst. Und vergiss nicht, dein Alter kann gegen dich verwendet werden. Ü50, nicht mehr so belastbar, und mit den modernen Sachen kennt die sich ja ohnehin nicht aus.
Also nahm ich an. Auch das Thema Buchhaltung zu unterrichten. Und dabei ist Buchhaltung für mich nicht irgendein ungeliebtes Fach. Ich habe vor fünfundzwanzig Jahren aufgehört, in der Buchhaltung zu arbeiten. Ich hatte damals sogar mein Ziel erreicht, Rechnungswesenleiterin, ganz oben. Glücklich war ich nicht. Ich bin bewusst gegangen. Und nun sollte ich zurück an genau den Ort, den ich mit Absicht hinter mir gelassen hatte. Deshalb dieser eine Satz, der keine Erklärung braucht: Ich hasse Buchhaltung.
Der letzte Tropfen
Diese Entscheidung war kein Blitz. Sie reift seit jenem Wochenende im Schnee, seit der Stille danach. Alles, was folgte, war nur noch der langsame Weg bis ans Rand des Glases.
Dann kam das Meeting, in dem das Institut den Weg nach vorn vorstellte, und ein Satz brachte alles auf den Punkt. Verstanden, du magst keine Buchhaltung. Aber du bist eben die Alternative, auf die wir zurückgreifen, wenn es um Buchhaltung geht. Die Alternative. Der Notnagel. Nicht die Dozentin für das, was ich kann, sondern die, die einspringt für das, was mich krank macht.
Und in dem Moment wurde mir schlecht. Nicht im übertragenen Sinn. Der Gedanke, Buchhaltung in schwarze Kacheln zu sprechen, machte mich körperlich krank. Mein Körper wusste es längst, während mein Kopf noch am Ja festhielt. Also habe ich gekündigt.
Was danach kam
Und jetzt kommt der ehrliche Teil. Ich fühle im Moment nicht viel. Keine Erleichterung, kein Triumph, keine Angst. Eher nichts. Vielleicht ist das die letzte Stille, die ich noch durchqueren muss, bevor wieder etwas nachkommt.
Was ich schon sehe: Ich habe weit unter meinen Fähigkeiten gearbeitet, weit unter meinem Wert bezahlt. Und ich habe das Schweigen eines sparsamen Systems für ein Urteil über mich gehalten. Das war der teuerste Irrtum von allen.
Ich lasse nicht das Ja-Sagen los. Ein echtes Ja darf bleiben. Ich lasse den Satz los, der aus jeder Stille einen Zweifel an mir gemacht hat.
Für dich
Vielleicht kennst du diese Stille auch. Du bist für ihn hierhergezogen, hast Beruf und Netzwerk zurückgelassen, und nun gibst du dich einem neuen Land, das dir wenig zurückgibt. Keine Kollegin, die dich sieht. Kein „das ist verständlich“, wenn es schwer wird. Du gibst, und es kommt nichts zurück. Und irgendwann drehst du die Frage nach innen. Liegt es vielleicht an mir? Bin ich hier nicht gut genug?
Frag erst, woher die Stille kommt, bevor du sie auf dich beziehst. Manchmal sagt sie nichts über dich. Manchmal sagt sie alles über den Ort, an dem du gerade stehst, über ein System, eine Struktur, ein Land, das dir kein Echo gibt. Das ist nicht dasselbe wie dein Wert. Vielleicht ist es Zeit, auch so eine Geschichte loszulassen.
Du darfst gehen, bevor du anfängst, an dir selbst zu zweifeln. Und wenn du danach erst mal gar nichts fühlst, ist das auch in Ordnung. Es zählt trotzdem. Es ist trotzdem echt.
Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade von Peggy Bendler auf BuddhasPfad: Welche Geschichte über dich selbst hast du losgelassen? Warum mich Peggy eingeladen hat? Dieser Post hat sie inspiriert.





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